| Warum stiegen die Preise so drastisch? |
|
|
|
|
There are no translations available. Die Gründe für den unaufhaltsamen Anstieg der Preise sind stark umstritten. Die Energieversorger verweisen regelmäßig auf den hohen Staatsanteil (40 Prozent in 2007) an den Stromkosten, der sich seit 1998 versechsfacht hat. Ein großer Teil dieser zusätzlichen Steuerlast stammt aus der Förderung Erneuerbarer Energien, aber auch Konzessionsabgaben und die erhöhte Mehrwertsteuer tragen ihren Teil bei. Weiterhin seien die weltweit steigenden Preise für Energieträger aller Art Schuld an der Preisexplosion. Verbraucherverbände und Politiker sehen in den Energieriesen die Hauptpreistreiber, die stets nur die Maximierung des Unternehmensergebnisses vor Augen hätten. Sie führen die jährlich steigenden Rekordgewinne der großen Energieversorger an und vermuten, dass die Preise an der Strombörse manipuliert werden. Künstliche Erhöhungen der Strompreise an der Energiebörse seien aufgrund der geringen Zahl von Marktteilnehmern sehr einfach durchzuführen. Eine entsprechende Untersuchung des Bundeskartellamtes läuft seit Ende letzten Jahres. Die EU sieht die Verflechtung von Stromproduktion und -vertrieb, die von den großen Energiekonzernen zwar jeweils in Tochterfirmen ausgelagert wurden, aber dennoch deren Kontrolle unterliegen, als größten Hemmschuh für einen offenen Wettbewerb mit sinkenden Preisen. Nach dem Willen der EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes sollen daher die Geschäftsbereiche Produktion und Vertrieb zwangsweise voneinander unabhängig gemacht werden ("Unbundling"). Nur wenn das natürliche Monopol der Stromübertragungsnetze in einer Hand ruhe, die nicht am privilegierten Netzzugang einiger Anbieter und an höheren Zugangsschwellen für andere Versorger interessiert sei, werde es einen wirklichen offenen Wettbewerb geben, so die Argumentation. Die Bundesregierung steht diesen Plänen ablehnend gegenüber und propagiert den so genannten "Dritten Weg", wonach die Netze an die bestehenden Stromkonzerne angegliedert bleiben sollen. Ende Februar verblüffte der E.ON-Konzern sowohl die Bundesregierung als auch die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, aus freien Stücken einen Teil des Netzes für die Fernübertragung von Strom verkaufen zu wollen. Dieses Angebot kommt den EU-Plänen jedoch nur teilweise entgegen, denn die so genannte "letzte Meile" des Stromnetzes, Über welche die Endverbraucher versorgt werden, bleibt dabei immer noch in der Hand des Energieriesen, der somit nach wie vor in jeden Anbieterwechsel einbezogen werden müsste. Nach den teilweise nicht sehr erfolgreichen frühen Versuchen alternativer Stromversorger, den Strommarkt aufzubrechen, ist die Palette der verfügbaren Anbieter im Laufe der Jahre stetig gewachsen. Die großen Energiekonzerne haben Tochtergesellschaften gegründet, die überregional Strom anbieten (z.B. Yello, eprimo, E wie Einfach). Daneben gibt es Stadtwerke oder Zusammenschlüsse von Stadtwerken (z.B. Stadtwerke Flensburg , Trianel, Secura), die in den deutschlandweiten Wettbewerb eingestiegen sind. Für den meisten Wirbel sorgten unabhängige Anbieter (z.B. TelDaFax, FlexStrom, Bonus Strom), die durch alternative Zahlungsmodelle per Vorauskasse oder Sonderabschlagszahlung die Mitbewerber häufig unterbieten, jedoch von Verbraucherschützern äußerst kritisch betrachtet werden. Nach Angaben des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft haben bis zur Mitte des Jahres 2007 rund 47 Prozent der Haushalte schon einmal den Stromtarif gewechselt, wobei der Großteil der Stromabnehmer allerdings beim bisherigen Versorger geblieben ist. Nur etwa zehn Prozent der Haushalte haben einen tatsächlichen Wechsel des Stromanbieters vorgenommen - eine Zahl, die zehn Jahre nach der Liberalisierung des Strommarktes Überrascht. Denn zum einen ist der Stromanbieterwechsel einfach und risikolos - die Stromversorgung ist während des gesamten Wechselprozesses gewährleistet. Zum anderen können durch den Anbieterwechsel oft mehrere hundert Euro jährlich eingespart werden. Die Liberalisierung des Strommarktes ist auch nach zehn Jahren nicht vollkommen abgeschlossen und hat noch große Entwicklungsmöglichkeiten. Neutrale Informationen zu den immer zahlreicher werdenden Stromversorgern und ihren Angeboten werden in der Zukunft einen immer größeren Stellenwert einnehmen. Denn ein wirklich freier Wettbewerb benötigt neben den passenden politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vor allem informierte und kritische Verbraucher, die wissen, auf was es ankommt.
Zum GastautorRechtsanwalt Hanno Blatzheim aus Bitburg ist seit 1996 auf dem Gebiet des Energierechts tätig und vertritt gewerbliche und private Verbraucher in Sachen Gas, Strom und Fernwärme. Seine Expertise konnte er unter anderem bei Kooperationen mit dem ZDF Magazin "Frontal" und dem Nachrichtenmagazin "Focus" unter Beweis stellen. |